Vernetzen

Meetups: Gelebte Vernetzung

Hacking Health Berlin – Rapid Prototyping Workshop, Foto © Andreas Till

Meetups sind überall. Oft sind sie einfach Treffen von Menschen mit ähnlichen Interessen: Sprachtandems, Debattierclubs, Programmier-Selbsthilfegruppen. Aber auch immer mehr Professionals, vom Start-up-Macher bis zum Großunternehmen, sind in der Szene präsent und nutzen die Veranstaltungen als Netzwerk-Tool. Warum das oft klappt, ohne dass die Lockerheit verloren geht.

Ein sommerlicher Mittwochabend. Im Betahaus, einem bekannten Berliner Coworking Space, haben sich etwa 80 vornehmlich, aber nicht ausschließlich junge Menschen versammelt, vornehmlich, aber nicht ausschließlich im Casual Look gekleidet. Sie trinken vornehmlich, aber nicht ausschließlich Bier und Mate-Brause. Das Thema, das sie zusammenbringt: „Health Behavior Change“ – oder: wie das Gesundheitswesen der Zukunft über digitale Angebote neu gestaltet werden kann. Warum sind diese Leute hier? Warum geht man nach Feierabend zu Meetups oder organisiert sie sogar?

In drei Vorträgen geht es um Möglichkeiten und Grenzen von App-Lösungen im Gesundheitswesen: Ein Mobbing-Notruf per SMS, eine digital basierte Depressionstherapie, online buchbare Sofort-Hausbesuche durch Ärzte. Es gebe etwa 100.000 Health-Apps, sagt die erste Speakerin, aber nur 1 % davon sei medizinisch fundiert. Großes Raunen. Die Zuhörer sitzen brav aufgereiht, nach dem Vortrag gibt es Fragen, man meldet sich per Aufzeigen. Was ist denn nun hier anders als auf einer ganz normalen Gesundheitskonferenz?

Warum geht man zu einem Meetup?

Friedolin Stockmeier, Veranstalter des heutigen Abends, ist Mitglied in 116 Meetup-Gruppen. Als er vor einem knappen Jahr nach Berlin kam, gab es noch keine Gruppe zu seinem Leib-und-Magenthema Behavior Science, also gründete er sie. Ohne konkrete Hintergedanken, sagt er, weist dann zum Veranstaltungsende aber doch auf seine Mailingliste hin. Der Aufwand, eine Meetup-Gruppe zu organisieren, sei übersichtlich, der Ertrag reichlich. Das funktioniert ungefähr so: Als Organisator lernt man besonders leicht Leute kennen; die spannendsten lädt man als Speaker ein und wird zurück eingeladen. Fertig ist das Netzwerk – und es wächst, einmal aufgebaut, immer weiter. Je länger man dabei ist, desto größer der Fundus, aus dem man schöpfen kann, um auf kurzem Wege Experten zu unterschiedlichsten Fragen für künftige Meetup-Abende zu finden. Das sei einfach spannend, begeistert sich Friedolin, und ja, es beschleunige da und dort auch eine im engeren Sinne „geschäftliche“ Kontaktanbahnung.

 

Meetup: Die Geschichte

Meetup, das mag erstaunen, gibt es bereits seit 2002. Die Initialzündung dafür war, so der wunderbar amerikanische Gründungsmythos, der 11. September 2001. Scott Heiferman eilte nach dem Flugzeug-Crash in die Zwillingstürme des World Trade Centers aufs Dach seines Mietshauses, um das Ausmaß der Katastrophe mit eigenen Augen zu sehen. Dort versammelten sich auch andere Mieter. Heiferman merkte, wie gut ihm die Präsenz der Nachbarn tat, die gerade das gleiche einschneidende Erlebnis teilten. Er überlegte, wie er auch außerhalb des Katastrophenfalls Menschen mit gemeinsamen Interessen und Erfahrungen in Communities zusammenbringen konnte. Heraus kam, wenn man so will, eines der ersten sozialen Netzwerke – deutlich vor Facebook und auch noch, bevor Myspace an den Start ging. Nur dass die Menschen bei Meetup zwar im Internet zusammenfinden, sich aber offline treffen.

Größere Aufmerksamkeit erlangte das Meetup-Prinzip zum ersten Mal im Vorwahlprozess der Demokraten für die US-Präsidentschaftswahl 2004. Howard Dean stellte über Meetups eine erfolgreiche, schlagkräftige Graswurzelkampagne auf die Beine.  John Kerry übernahm das Verfahren – und wurde Präsidentschaftskandidat. Nach etwas Anlaufzeit gelang der Plattform in den vergangenen fünf Jahren auch international ein rasanter Aufstieg. Heute hat Meetup über 27 Millionen Mitglieder aus 179 Ländern, die sich in mehr als 250.000 Gruppen an monatlich fast 600.000 Veranstaltungen treffen. Ernsthafte Konkurrenz ist – auch angesichts dieser Zahlen – nicht in Sicht.

 

Auch Yannik Schreckenberger war auf der Suche nach Netzwerkkontakten, als er 2011 neu nach Berlin kam: Als studierter Physiker, mit einer Start-up-Idee in der Tasche, suchte er nach Veranstaltungen im Digital-Health-Bereich. Eher zufällig fiel ihm die Leitung der Meetup-Gruppe „Hacking Health Berlin“ zu.

Schreckenberger sagt, er kenne niemanden, der Meetups rein privat nutzt. Auch für ihn sind sie ganz klar ein professionelles Tool. Aber eben doch ein andersartiges: „Vielen Businesstreffen ist anzumerken, dass sie unter Erfolgsdruck stattfinden. Dieses Return-on-Investment–Denken hasse ich.“ Meetups, so Schreckenberger, seien zwangloser und ideenorientierter: Bei Hacking Health soll in erster Linie die Gruppe etwas lernen, es gibt generell keine Pitches von Unternehmen: „Aber natürlich fragt man einander beim Bier auch, was der andere beruflich so macht.“ So ergeben sich Kontakte. Oft sei es über längere Zeit ein Mittelding zwischen „schon mal gesehen“ und „kennen“ – aber doch eine Beziehung, über die bei Gelegenheit mehr entstehen kann.

So auch bei Schreckenberger, heute nicht nur ein gefragter Speaker auf Meetups und auch „klassischen“ Konferenzen auf der ganzen Welt, sondern vor allem ein erfolgreicher Digital Health-Unternehmer. Seine App „heartbeat ONE“, eine Art digitale Patientenakte, hat vor kurzem eine weitere erfolgreiche Finanzierungsrunde hinter sich gebracht. Mindestens einen seiner Geldgeber hat Schreckenberger bei einem Meetup kennengelernt – seine Geschäftsidee auf einem Meetup gepitcht hat er nie.

 

Meetup als Geschäftsmodell – ein Vorbild für andere Plattformen

Meetup ist ein Paradebeispiel für ein funktionierendes Plattform-Geschäftsmodell. Als der Datenverkehr auf Meetup.com immer weiter anstieg, ohne dass das Unternehmen davon finanziell profitierte, entschieden Scott Heiferman und seine Mitstreiter im Frühjahr 2005, die Organisation von Meetups kostenpflichtig zu machen. Derzeit kostet es monatlich 3 US-Dollar, eine Meetup-Gruppe mit bis zu 50 Mitgliedern zu betreuen; für unbegrenzte Nutzungs- und Organisationsmöglichkeiten sind es 5 Dollar.

Dieser Schritt war durchaus riskant: Die Aktivität auf Meetup.com ging vorübergehend um satte 95 Prozent zurück. Doch verringerte sich damit vor allem der Anteil an „Informationslärm“, während die Qualität der Interaktion ebenso sprunghaft zunahm: Weil unverbindliche und unzuverlässige Organisatoren aussortiert werden konnten, stieg die Zahl der Meetups, die Teilnehmer als „erfolgreich“ bewerteten, von 1 bis 2 % auf 50 %. Nach dieser Gesundschrumpfung konnte das Wachstum von Neuem beginnen.

Lerne: Nicht immer muss mehr Aktivität das oberste Ziel von Netzwerkplattformen sein. Auf unerwünschte Interaktionen gezielt zu verzichten, um die erwünschten zu fördern, war im Fall von Meetup die gewinnbringendere Strategie – für die Nutzer, und für das Unternehmen erst recht. Im Meetup-Office in New York arbeiten heute etwa 150 Menschen. Interessanterweise sind, so Rachel Lafayette, Head of Business Development bei Meetup, nach wie vor keine weiteren Niederlassungen geplant.

 

Pause. Im Anschluss an den Vortrag sollen in Vierergruppen Ideen zum Thema entwickelt werden. Vielleicht wichtiger: Leute, die zufällig nebeneinander sitzen, kommen ins Gespräch. Andere überspringen die Gruppenarbeit und gehen gleich zum Smalltalk über. Oder zum Fachgespräch nach Meetup-Art: So leidenschaftlich, wie sich in der Pause zwei Mate-Trinker über irgendetwas streiten, das sich für Laien nicht erschließt, werden ein Facebook-Chat oder eine Skype-Konferenz nie ablaufen.

Zu den gefragtesten Gesprächspartnern gehören ein dunkelhaariger Kubaner mit Brille um die 40 und eine fröhliche Blondine, die T-Shirts mit der Aufschrift #Grants4Apps tragen. Zumindest Jesus del Valle würden die meisten hier auch ohne das T-Shirt erkennen: Der Head von Grants4Apps, der Start-up-Initiative des rheinischen Chemieriesen Bayer, ist ein bunter Hund in der Digital Health-Szene; Bayer gilt als eines der Großunternehmen, die Meetups am aktivsten nutzen. Das vierköpfige, in Berlin stationierte Grants4Apps-Team organisiert seit zwei Jahren die STEM 4 Health-Meetups in immer mehr Städten, zuletzt sind Moskau und Istanbul, Tokio und Shanghai hinzugekommen.

Überhaupt scheinen sich hier die meisten zu kennen – und das ist wahrscheinlich schon viel wert. Del Valles Kollegin Sabrina Steinert sagt, sie sei zu etwa 60 % privat hier und zu 40 % beruflich: Klar gehöre Meetups zu besuchen irgendwie zu ihrem Arbeitsprofil – auf die Uhr schauen dürfe man aber nicht. Aber zum Glück sei ja der Spaß- und Inspirationsfaktor so hoch – all die spannenden Leute. Steinert lächelt selig. Sie beobachtet bei Bayer nicht zuletzt auch eine Wirkung der Meetup-Initiative nach innen – die Aktivitäten von Grants4Apps werden wahrgenommen, und die unterschiedlichsten Leute aus dem Unternehmen schlagen neue Themen für Meetups vor. Dass solche Vorschläge auch tatsächlich umgesetzt werden, zahlt auf eine wichtige Zielsetzung des Meetup-Engagements von Bayer ein: Die oft hohle Phrase, mehr Start-up-Kultur in das große Unternehmen bringen zu wollen, ist dann schon ein kleines Stück weniger hohl.

Ein anonymes Großunternehmen wird ansprechbar

Aber es gibt auch handfestere Gründe, wieso der Austausch zwischen Bayer-Vertretern und jungen Digital Health-Enthusiasten für beide Seiten interessant ist. Der Grants4Apps Accelerator zum Beispiel, das wohl wichtigste Vehikel von Bayers Start-up-Initiative, startete Ende August in seinen 2016er-Jahrgang. Fünf internationale Healthtech-Start-ups, ausgewählt aus 405 Bewerbern, werden mit je 50.000 Euro vier Monate lang gefördert, erhalten Coachings von Bayer-Fachleuten und Zugang zum umfangreichen Netzwerk des Konzerns. Bayer erhält im Gegenzug einen Anteil von bis zu 10 % am Unternehmenswert, wenn das Start-up innerhalb von zehn Jahren an die Börse geht oder verkauft wird. Indem Bayer bei den Meetups im Gesundheitsbereich präsent ist, erfährt es frühzeitig von den interessantesten neuen Ideen. Für junge Innovatoren umgekehrt erhält das Riesenunternehmen Bayer ein Gesicht und wird ansprechbar. Daraus muss nichts entstehen – aber es kann.

Vielleicht ist es am Ende ganz einfach: Meetups bringen Menschen mit überschneidenden Interessen und Tätigkeitsfeldern, aber unterschiedlichen Ideen und Kompetenzen zusammen – ohne Hierarchie und Barrieren. Das sorgt für neuen Input; sich kennenzulernen schafft aber auch Vertrauen. Ideengeber, Technik-Experten, Investoren: Treffen die richtigen Leute aufeinander, können Partnerschaften entstehen, die eine Geschäftsidee zum Fliegen bringen. Das ist Vernetzung. So entsteht Neues. Und das macht Spaß.

 

Meetup Pro: Zukunftsgeschäft mit Premium-Nutzern?

An der New Yorker Meetup-Zentrale ist nicht vorbeigegangen, dass immer mehr Unternehmen wie Bayer und Pfizer Meetups veranstalten und als Tool für ihre Community-Pflege benutzen. Deren erweiterte Anforderungen soll künftig die Premium-Version Meetup Pro erfüllen – und ein zusätzliches Erlösmodell werden. Derzeit befindet sich Meetup Pro in einer Beta-Phase mit gut 300 ausgewählten Kunden – darunter Twitter, WordPress und verschiedene Unternehmensbereiche von Google. Die Kosten: 15 Dollar pro Monat und Gruppe für Non-Profit-Organisationen, 20 Dollar für Corporates.

Noch sind die Zusatzfeatures übersichtlich: In erster Linie hilft Meetup Pro Organisatoren, die parallel mehr als zehn Meetups betreuen, das größere Volumen im Griff zu behalten und beim Community Management mehr ins Detail gehen zu können: Daten-, Tracking- und Filterungstools ermöglichen es, die Community nach verschiedenen Parametern aufzuschlüsseln. Aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen, wer wo besonders aktiv ist und wer sich zwar angemeldet, aber noch nie eine Veranstaltung besucht hat, lassen sich gezielte Folgemaßnahmen ableiten. Eine zusätzliche Promotion oder Hervorhebung der Veranstaltungen und Gruppen von Pro-Kunden auf der Meetup-Website gibt es nicht.

Dereinst aber soll Meetup Pro seinen Kunden ein „Playbook“ bieten, das verschiedene Wege zum Aufbau einer Offline-Community zeigt, die in der Vergangenheit funktioniert haben – auch für User, die im Community Building bei Null starten: „Something that you turn on and then it works“, wie es Meetup-Mitarbeiterin Lafayette formuliert. Wann diese Leistungen angeboten werden, ist derzeit noch nicht klar.